Spekulatius II

Es waren einmal…

Zwei Menschen. Ein kleiner Mensch und ein großer Mensch. Beide lebten sie in einem Universum das sie Welt nannten. Welt war wie ein Wald. Welt war auch ziemlich groß. Und weil sie so groß war fühlte sich der kleine Mensch oft überflüssig. Er hatte das ganz untrügliche Gefühl nicht am richtigen Ort zu sein. Deshalb sprach der kleine Mensch an einem Tag mit dem großen Menschen.

„Du? Großer Mensch?“, sagte er.
„Ja, kleiner Mensch?“, fragte daraufhin der große Mensch.
„In dieser großen Welt bin ich ziemlich klein. Ich bin gar nicht richtig da.“ Der kleine Mensch seufzte.
Der große Mensch sah ihn erstaunt an. „Aber warum das? Ich fühle mich richtig.“
„Du bist ja auch groß!“, rief da der kleine Mensch aus. „Ich werde durch die Welt geworfen und niemand sieht mich. Alles geht ganz wild zu.“
Da musste der große Mensch lächeln.
„Ach kleiner Mensch, weißt du denn nicht, dass jeder einmal so beginnt? Das ist keine Sache der Größe. Es ist eine Sache des Standpunktes.“
„Des Standpunktes?“, fragte der kleine Mensch verwirrt. Und der große Mensch nickte.
„Ja. Des Standpunktes. Deines Punktes auf dem Weg.“
Der kleine Mensch fragte: „Welcher Weg?“
Und der große Mensch lächelte wieder.
„Der Weg auf dem du die Welt kennen lernst. Am Anfang ist es ein ganz kleiner Trampelpfad, für kleine Füße. Da kannst du an beiden Seiten ins Gras fallen. Dann wird der Pfad größer und wird zu einem Weg. Da gehst du und deine Familie, niemand sonst. Und irgendwann wird aus dem Weg dann einmal eine Straße. Deine Eltern können die Straße sehen, aber sie gehen nicht mit auf ihr. Da bist du klein und die Straße ziemlich groß. Und aus dieser Straße, kleiner Mensch, wird einmal eine ganz große Bahn. Auf diese Bahn laufen wir alle einmal, wenn wir die Straße hinter uns haben. Sie liegt hinter einer Kurve und deine Eltern können dich nicht mehr sehen. Hier rennen wir zusammen. Und hier verliert man sich und es geht wild zu. Die große Bahn macht die Menschen klein. Aber weißt du was, kleiner Mensch?“
Der kleine Mensch schüttelte den Kopf. „Was?“
„Die große Bahn sind eigentlich nur ganz viele kleine Pfade. Und jeder läuft ein bisschen auf den Pfaden der anderen mit. Wenn du aber zurück schaust und dir ein bisschen Zeit nimmst, wirst du sehen, dass dein Pfad noch immer zurück in die Straße, auf den Weg und den Trampelpfad auf der Wiese führt.“
Der große Mensch lächelte und der kleine sah ihn fragend an.
„Aber das macht mich nicht größer. Und nicht richtiger da.“
Der große Mensch überlegte, dann nickte er.
„Nein, das macht es nicht. Aber es macht die anderen kleiner und die Welt ruhiger.“
Der kleine Mensch sah ihn eine Weile nachdenklich an, dann lächelte er und sagte.
„Oh.“
19.10.06 22:35
 


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